Leistung war lange ein Versprechen. Heute ist sie für viele Menschen ein Dauerzustand. Schneller, effizienter, verfügbar. In der öffentlichen Debatte wird viel über Erfolg gesprochen, deutlich weniger über die Kosten, die er verursacht. Cornelius Schelling beschäftigt sich genau mit dieser Lücke. Im Interview spricht er über Gesundheit, Dauerstress und darüber, warum viele Menschen ihre Erschöpfung nicht mehr als Warnsignal wahrnehmen.
Herr Schelling, womit beschäftigen Sie sich konkret und wie begleiten Sie Menschen in Ihrer Arbeit?
Meine Arbeit besteht darin, Menschen dabei zu unterstützen, ihren eigenen Zustand besser zu verstehen. Viele spüren, dass etwas nicht stimmt, können es aber nicht klar einordnen. Es geht nicht um schnelle Lösungen oder Programme, sondern um Orientierung. Ich helfe dabei, Zusammenhänge sichtbar zu machen, damit Menschen bewusster mit Belastung, Erholung und Gesundheit umgehen können.
Viele Menschen sagen, sie seien ständig gestresst. Ist das wirklich ein neues Phänomen?
Stress an sich ist nicht neu. Neu ist, dass er kaum noch Pausen kennt. Früher gab es klarere Grenzen zwischen Arbeit und Erholung. Heute verschwimmen diese Grenzen zunehmend. Erreichbarkeit ist selbstverständlich geworden, Geschwindigkeit wird belohnt. Menschen stehen nicht mehr punktuell unter Druck, sondern dauerhaft.
Woran erkennen Sie, dass Dauerstress für viele zum Normalzustand geworden ist?
Daran, wie über den eigenen Zustand gesprochen wird. Erschöpfung wird verharmlost. Müdigkeit gilt als normal. Viele wissen gar nicht mehr, wie sich echte Erholung anfühlt. Wenn ein Zustand lange anhält, wird er akzeptiert, auch wenn er nicht gesund ist.
Welche Rolle spielt der Körper dabei?
Der Körper ist anpassungsfähig. Er kompensiert Belastung lange. Diese Anpassung hilft kurzfristig, führt aber dazu, dass Warnsignale übersehen werden. Innere Unruhe, schlechter Schlaf oder ständige Anspannung werden normalisiert. Der Körper meldet sich früh, aber leise.
Sind bestimmte Gruppen besonders betroffen?
Unternehmer und Führungskräfte sind stark betroffen, aber längst nicht allein. Auch Angestellte, Selbstständige und junge Menschen stehen unter hohem Erwartungsdruck. Leistung wird nicht mehr nur beruflich gemessen, sondern auch privat. Selbstoptimierung ist allgegenwärtig.
Viele Menschen versuchen, widerstandsfähiger zu werden. Reicht Resilienz aus?
Resilienz wird oft falsch verstanden. Sie bedeutet nicht, immer mehr auszuhalten. Sie bedeutet, Belastung wahrzunehmen und regulieren zu können. Wenn Resilienz nur dazu dient, noch mehr Druck zu ertragen, verschärft sie das Problem.
Welche langfristigen Folgen hat dauerhafte Überlastung?
Dauerstress wirkt auf vielen Ebenen. Schlaf, Immunsystem, Konzentration und emotionale Stabilität leiden. Entscheidungen werden reaktiver, der Blick verengt sich. Viele gesundheitliche Probleme entstehen nicht plötzlich, sondern entwickeln sich schleichend über Jahre.
Warum reagieren viele Menschen erst spät auf diese Entwicklungen?
Weil Erschöpfung kein klares Ereignis ist. Sie lässt sich lange kompensieren. Außerdem gilt Belastung in vielen Bereichen als Zeichen von Engagement. Wer müde ist, glaubt oft, einfach mehr leisten zu müssen, statt innezuhalten.
Welche Rolle spielt Selbstwahrnehmung in diesem Zusammenhang?
Eine zentrale. Viele Menschen haben den Kontakt zu ihrem Körper verloren. Sie reagieren erst, wenn Signale deutlich werden. Gesundheit beginnt dort, wo Signale früh wahrgenommen und ernst genommen werden.
Was bedeutet das konkret für den Alltag?
Sich regelmäßig ehrlich zu fragen, wie erholt man sich fühlt, wie der Körper auf Belastung reagiert und ob ausreichend Regeneration stattfindet. Diese Fragen sind einfach, werden aber selten bewusst gestellt.
Welche gesellschaftliche Entwicklung sehen Sie besonders kritisch?
Dass Erschöpfung romantisiert wird. Viel Arbeit gilt als Tugend, Pausen als Schwäche. Dabei entsteht Leistungsfähigkeit erst durch Erholung. Diese Sichtweise führt langfristig zu Instabilität.
Was wünschen Sie sich für den Umgang mit Gesundheit in unserer Gesellschaft?
Mehr Ehrlichkeit im Umgang mit Belastung. Weniger Idealisierung von Dauerstress. Gesundheit ist kein Luxus, sondern eine Voraussetzung für ein stabiles Leben.
Abschließend gefragt: Was bedeutet für Sie ein gesunder Umgang mit Leistung?
Leistung darf fordern, aber sie darf nicht zerstören. Ein gesunder Umgang bedeutet, leistungsfähig zu sein und gleichzeitig im Kontakt mit dem eigenen Zustand zu bleiben. Gesundheit ist dafür die Grundlage.
Sie spüren, dass Dauerstress und Erschöpfung kein Ausnahmezustand mehr sind?
Wenn Sie Ihren eigenen Zustand besser verstehen und Verantwortung für Ihre Gesundheit übernehmen möchten, bietet Cornelius Schelling eine persönliche, analytische Begleitung mit langfristigem Ansatz.